In Familienunternehmen können Menschen gleichzeitig Familienmitglied, Führungskraft, Eigentümer oder Nachfolger sein. Solche Mehrfachrollen sind normal – entscheidend ist, unterschiedliche Erwartungen und Gesprächsebenen rechtzeitig zu erkennen.
Am Vormittag bespricht ein Vater als Geschäftsführer mit seiner Tochter ein Projekt. Wenig später essen beide gemeinsam zu Mittag. Am Nachmittag entscheiden sie als Gesellschafter über eine Investition. Abends geht es innerhalb der Familie um die Frage, ob die Tochter das Unternehmen später übernehmen möchte.
Es sitzen immer dieselben Menschen miteinander am Tisch – ihre Rollen haben sich jedoch mehrfach verändert. Genau solche Mehrfachrollen gehören zum Alltag vieler Familienunternehmen.
Problematisch ist nicht, dass sich diese Rollen überschneiden. Eine strikte Trennung wäre häufig weder realistisch noch sinnvoll. Schwierigkeiten können vielmehr entstehen, wenn unterschiedliche Erwartungen unbemerkt ineinandergreifen oder eine Aussage aus einer anderen Rolle verstanden wird, als sie gemeint war.
Überblick – Zentrale Fragen
Welche Rollen kann eine Person gleichzeitig haben?
In einem Familienunternehmen kann eine einzelne Person mehreren sozialen und organisatorischen Zusammenhängen gleichzeitig angehören.
Eine Mutter kann beispielsweise Mutter, Geschäftsführerin und Mehrheitsgesellschafterin sein. Ihr Sohn kann zugleich Sohn, Mitarbeiter, Minderheitsgesellschafter und möglicher Nachfolger sein.
Mit jeder dieser Rollen sind andere Erwartungen verbunden. Eine Mutter darf sich um das Wohlergehen ihres Kindes sorgen. Eine Geschäftsführerin muss wirtschaftliche Entscheidungen treffen. Eine Eigentümerin trägt Verantwortung für Vermögen und langfristige Entwicklung des Unternehmens.
Diese Erwartungen passen nicht automatisch widerspruchsfrei zusammen. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine Person sich vor jedem Gespräch eindeutig für eine einzige Rolle entscheiden müsste. Familienunternehmen funktionieren gerade deshalb, weil Menschen mit dieser Gleichzeitigkeit umgehen können.
Manchmal wechselt die Rolle innerhalb eines Gesprächs
Eine Geschäftsführerin bespricht mit ihrem erwachsenen Sohn eine wichtige Kundenentscheidung. Sie argumentiert zunächst aus ihrer Führungsverantwortung heraus.
Dann sagt sie: „Ich möchte nicht, dass du dich damit übernimmst.“
Damit kann sich die Gesprächsebene verändern. Vielleicht spricht nun weniger die Geschäftsführerin als vielmehr die Mutter. Für sie selbst kann dieser Wechsel völlig selbstverständlich sein.
Der Sohn muss ihn jedoch nicht genauso wahrnehmen. Er hört möglicherweise weiterhin seine Vorgesetzte und versteht den Satz als Zweifel an seiner beruflichen Kompetenz.
Das Missverständnis entsteht dann nicht zwingend durch den Inhalt selbst. Es entsteht daraus, dass Sender und Empfänger denselben Satz unterschiedlichen Rollen zuordnen.

Wo treten Mehrfachrollen besonders deutlich hervor?
Mehrfachrollen können sehr unterschiedlich aussehen. Besonders sichtbar werden sie dort, wo dieselbe Person gleichzeitig familiäre, operative und eigentumsbezogene Verantwortung trägt.
Elternteil und Führungskraft
Ein Vater beurteilt als Geschäftsführer die Leistung seiner Tochter. Gleichzeitig bleibt er ihr Vater und kennt möglicherweise ihre persönlichen Belastungen, Stärken und Unsicherheiten besonders gut.
Geschwister und Gesellschafter
Zwei Geschwister müssen gemeinsam über Unternehmensanteile oder Investitionen entscheiden. Neben der Sachfrage können frühere Erfahrungen von Gleichbehandlung, Wettbewerb oder Anerkennung mitschwingen.
Mitarbeiter und Nachfolger
Eine Tochter arbeitet zunächst wie andere Beschäftigte im Unternehmen und soll gleichzeitig auf eine spätere Führungsrolle vorbereitet werden. Kollegiale Zugehörigkeit und zukünftige Verantwortung können dadurch nebeneinanderstehen.
Eigentümer und operative Führung
Wer sowohl Anteile hält als auch das Unternehmen führt, entscheidet gleichzeitig aus operativer Verantwortung und aus der Perspektive des Eigentums. Diese Interessen können übereinstimmen, müssen es aber nicht immer.
Wann werden Mehrfachrollen zum Problem?
Mehrfachrollen sind zunächst eine normale Eigenschaft von Familienunternehmen. Aufmerksamkeit verdienen sie vor allem dann, wenn Beteiligte unterschiedliche Erwartungen an dieselbe Situation haben, ohne diese Unterschiede zu erkennen.
- Eine fachliche Kritik wird als persönliche Zurückweisung erlebt.
- Elterliche Sorge wird als geschäftliche Anweisung verstanden.
- Eine Führungskraft erwartet Gehorsam, während das Gegenüber gerade ein Gespräch unter Familienmitgliedern erwartet.
- Ein Familienmitglied beruft sich auf Eigentum, obwohl die konkrete Frage in der operativen Verantwortung einer anderen Person liegt.
- Ein möglicher Nachfolger erhält einerseits Verantwortung, muss sich andererseits bei wichtigen Entscheidungen weiterhin wie ein Kind abstimmen.
- Nach einem Gespräch haben beide Seiten unterschiedliche Vorstellungen darüber, was eigentlich vereinbart wurde.
Entscheidend ist dabei nicht, sofort festzustellen, wer die „falsche“ Rolle eingenommen hat. Interessanter ist die Frage, welche Rollen die Beteiligten jeweils angenommen haben und welche Erwartungen dadurch entstanden sind.
Wie verändert sich eine Aussage durch die jeweilige Rolle?
Ein Satz erhält seinen Sinn nicht ausschließlich durch seinen Wortlaut. Auch die Beziehung und die angenommene Rolle beeinflussen, wie er gehört wird.
| Aussage | Mögliche Rolle | Mögliche Bedeutung |
|---|---|---|
| „Das solltest du noch einmal überdenken.“ | Vorgesetzte | Die Entscheidung entspricht aus meiner Sicht noch nicht den betrieblichen Anforderungen. |
| „Das solltest du noch einmal überdenken.“ | Mutter | Ich mache mir Sorgen um dich. |
| „Das sollten wir noch einmal überdenken.“ | Gesellschafterin | Ich halte das wirtschaftliche Risiko für unser gemeinsames Eigentum für zu groß. |
| „Das solltest du noch einmal überdenken.“ | Senior gegenüber Nachfolger | Meine bisherige Erfahrung unterscheidet sich von deiner Einschätzung. |
Die Tabelle zeigt keine festen Übersetzungen. Derselbe Satz kann wiederum ganz anders gemeint sein. Genau deshalb kann es hilfreich sein, die Rolle nicht nur aus der eigenen Absicht heraus zu betrachten, sondern auch danach zu fragen, wie das Gegenüber sie verstanden hat.
Müssen die Rollen möglichst streng getrennt werden?
Eine konsequente Trennung klingt zunächst plausibel: Im Unternehmen wird nur geschäftlich gesprochen, zu Hause nur privat. Eltern verhalten sich bei der Arbeit ausschließlich wie Vorgesetzte und Geschwister ausschließlich wie Kollegen.
Im Alltag eines Familienunternehmens wäre eine solche Trennung jedoch häufig künstlich. Rollen wechseln schnell, und gerade die Verbindung von Familie und Unternehmen gehört zur besonderen Struktur dieser Unternehmen.
Es kann deshalb hilfreicher sein, von Rollenbewusstsein statt von Rollentrennung zu sprechen.
In vielen Alltagssituationen muss überhaupt nicht geklärt werden, welche Rolle gerade exakt im Vordergrund steht. Wenn jedoch eine wichtige Entscheidung getroffen wird, ein Gespräch immer wieder misslingt oder eine Aussage ungewöhnlich starke Reaktionen auslöst, kann eine explizitere Unterscheidung sinnvoll werden.
Dann kann ein einfacher Satz Klarheit schaffen: „Das sage ich gerade als Geschäftsführer.“ Oder: „Jetzt spreche ich nicht über deine Leistung im Unternehmen, sondern mache mir als Vater Sorgen.“
Wie kann Rollenbewusstsein entstehen, ohne den Alltag künstlich zu machen?
Es muss nicht immer sofort etwas verändert werden. Gerade bei wiederkehrenden Missverständnissen kann zunächst eine gezielte Beobachtung hilfreich sein.
Für einige Tage oder Wochen kann die Aufgabe lediglich darin bestehen, aufmerksam wahrzunehmen, wie Rollen im Alltag wechseln.
- Die eigene Rolle beobachten: Aus welcher Rolle heraus habe ich diesen Satz gerade gesagt – als Mutter, Geschäftsführer, Schwester oder Eigentümer?
- Die Rolle des Gegenübers wahrnehmen: Als wen habe ich die andere Person in diesem Moment behandelt?
- Die empfangene Rolle prüfen: Wie habe ich eine Aussage meines Gegenübers verstanden – als familiäre Botschaft oder als berufliche Erwartung?
- Unterschiede bemerken: Gab es Situationen, in denen wir vermutlich auf verschiedenen Ebenen miteinander gesprochen haben?
- Erst anschließend verändern: Wenn ein wiederkehrendes Muster sichtbar wird, lässt sich gezielter überlegen, wo mehr Klarheit hilfreich wäre.
Diese Form der Beobachtung schafft eine zusätzliche Perspektive auf das eigene Miteinander. Sie verlangt zunächst keine neuen Regeln und keine künstliche Sprache.
Manchmal verändert bereits das Bewusstsein dafür, dass mehrere Rollen gleichzeitig wirksam sind, die Art, wie eine Botschaft ausgesprochen oder aufgenommen wird.
Was ist, wenn zwei eigene Rollen unterschiedliche Entscheidungen verlangen?
Mehrfachrollen können nicht nur zwischen Menschen zu Missverständnissen führen. Auch innerhalb einer Person können Erwartungen miteinander kollidieren.
- Als Vater möchte ich mein Kind schützen.
- Als Geschäftsführer muss ich Leistung einfordern.
- Als Eigentümer möchte ich das Vermögen langfristig sichern.
- Als Senior möchte ich Verantwortung abgeben.
- Als Gründer fällt mir genau diese Abgabe möglicherweise schwer.
- Als Familienmitglied möchte ich die Beziehung nicht gefährden.
Solche widersprüchlichen Erwartungen lassen sich nicht immer vollständig auflösen. Rollenklärung kann jedoch helfen, den inneren Konflikt genauer zu benennen.
Statt nur festzustellen „Ich weiß nicht, was ich tun soll“, lässt sich beispielsweise unterscheiden: „Als Vater würde ich anders entscheiden als als Geschäftsführer.“
Diese Unterscheidung entscheidet noch nicht, welche Lösung richtig ist. Sie macht aber nachvollziehbarer, warum eine Entscheidung schwierig ist.
Weitere Fragen zu Mehrfachrollen
Mehrfachrollen lassen sich nicht durch eine allgemeine Regel auflösen. Einige Unterscheidungen helfen jedoch bei der Orientierung.
Ist eine Mehrfachrolle grundsätzlich problematisch?
Nein. Mehrfachrollen sind in Familienunternehmen normal und können sogar Vorteile haben, weil Menschen unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden. Problematisch werden sie vor allem dann, wenn widersprüchliche Erwartungen oder unterschiedliche Interpretationen dauerhaft unbemerkt bleiben.
Muss man vor jedem Gespräch festlegen, in welcher Rolle man spricht?
Nein. Das wäre im Alltag unnötig und künstlich. Eine explizite Benennung kann besonders bei wichtigen Entscheidungen, wiederkehrenden Missverständnissen oder emotional belasteten Themen hilfreich sein.
Was ist ein Rollenkonflikt im Familienunternehmen?
Von einem Rollenkonflikt kann gesprochen werden, wenn unterschiedliche Erwartungen an die Rollen einer Person nicht ohne Weiteres miteinander vereinbar sind. Beispielsweise möchte ein Elternteil das eigene Kind unterstützen und muss zugleich als Führungskraft eine kritische Leistungsentscheidung treffen.
Kann Rollenklärung alle Konflikte lösen?
Nein. Ein Konflikt kann ebenso durch unterschiedliche Interessen, wirtschaftliche Fragen, Eigentum, frühere Verletzungen oder strukturelle Probleme entstehen. Rollenklärung ist eine Perspektive unter mehreren und sollte nicht für jede Schwierigkeit zur alleinigen Erklärung gemacht werden.
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Mehrfachrollen gehören zum größeren Themenfeld von Rollen, Eigentum und Verantwortung in Unternehmerfamilien.
Vertiefende Quellen
- Renato Tagiuri und John A. Davis: Bivalent Attributes of the Family Firm– klassischer Fachbeitrag zur Überschneidung von Familie, Unternehmen und Eigentum und den daraus entstehenden Rollen in Familienunternehmen.
- Chamu Sundaramurthy und Glen E. Kreiner: Governing by Managing Identity Boundaries– untersucht die Integration und Abgrenzung familiärer und unternehmerischer Identitäten sowie den Umgang mit durchlässigen Grenzen zwischen beiden Bereichen.
- WIFU-Stiftung: Familienstrategie-Entwicklung in Unternehmerfamilien– ordnet unter anderem Rollen von Familienmitgliedern im Unternehmen und als Gesellschafter als zentrale Themen einer Familienstrategie ein.

