Gleichheit und Gerechtigkeit im Familienunternehmen

Zwei Geschwister besitzen jeweils 50 Prozent eines Familienunternehmens. Eines arbeitet seit Jahren im Betrieb, führt Mitarbeitende und trägt täglich operative Verantwortung. Das andere ist beruflich außerhalb des Unternehmens tätig. Ist es gerecht, wenn beide bei bestimmten Fragen dasselbe Gewicht haben? Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Gleichbehandlung ist eine wichtige Form von Gerechtigkeit – aber …

Zwei Geschwister mit unterschiedlichen Aufgaben besprechen gemeinsam eine Entscheidung im Familienunternehmen.

Zwei Geschwister besitzen jeweils 50 Prozent eines Familienunternehmens. Eines arbeitet seit Jahren im Betrieb, führt Mitarbeitende und trägt täglich operative Verantwortung. Das andere ist beruflich außerhalb des Unternehmens tätig. Ist es gerecht, wenn beide bei bestimmten Fragen dasselbe Gewicht haben?

Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Gleichbehandlung ist eine wichtige Form von Gerechtigkeit – aber nicht die einzige. Ebenso können unterschiedliche Beiträge, Verantwortung, Bedürfnisse, Risiken oder individuelle Lebenssituationen eine Rolle spielen.

Gerade in Familienunternehmen treffen mehrere Vorstellungen von Gerechtigkeit aufeinander. Hilfreich ist deshalb häufig nicht die Suche nach einer universellen Formel, sondern ein gemeinsamer Prozess, in dem sichtbar wird, was die Beteiligten überhaupt als gerecht oder ungerecht erleben.

Schnelle Orientierung

Überblick – Zentrale Fragen

Ein möglicher Maßstab

Warum ist Gleichbehandlung nicht automatisch gerecht?

Gleichbehandlung hat einen großen Vorteil: Sie ist klar und zunächst leicht nachvollziehbar. Alle erhalten dasselbe, alle besitzen denselben Anteil oder für alle gilt dieselbe Regel.

In vielen Situationen ist das sinnvoll. Gleiche Rechte können beispielsweise verhindern, dass einzelne Familienmitglieder ohne nachvollziehbaren Grund bevorzugt oder benachteiligt werden.

Gleichheit stößt jedoch dort an Grenzen, wo sich die Situationen der Beteiligten wesentlich unterscheiden.

Wer täglich im Unternehmen arbeitet, trägt möglicherweise andere Verantwortung als ein Familienmitglied, das vor allem als Eigentümer beteiligt ist. Ein Familienmitglied befindet sich vielleicht in einer anderen Lebensphase. Zwei Personen können unterschiedliche Risiken tragen oder auf sehr verschiedene Weise zur Familie und zum Unternehmen beitragen.

Dass alle dasselbe erhalten, bedeutet deshalb noch nicht zwangsläufig, dass alle die Regelung als gerecht erleben.

Ein Beispiel

Zwei Geschwister, jeweils 50 Prozent – ist das gerecht?

Angenommen, zwei Geschwister erhalten bei der Unternehmensnachfolge jeweils die Hälfte der Anteile.

01

Eigentum

Beide besitzen denselben Anteil. Unter dem Gesichtspunkt der Gleichheit erscheint die Regelung zunächst sehr klar.

02

Mitarbeit

Ein Geschwister arbeitet vollständig im Unternehmen und trägt dort Führungsverantwortung. Das andere verfolgt eine eigene berufliche Laufbahn.

03

Familie

Vielleicht übernimmt das nicht operativ tätige Geschwister an anderer Stelle mehr Verantwortung innerhalb der Familie. Auch solche Beiträge können für die Beteiligten bedeutsam sein.

04

Entstehung

Ebenso relevant kann sein, warum die Eigentumsverteilung überhaupt so entstanden ist und welche Erwartungen damit ursprünglich verbunden waren.

Schon dieses Beispiel zeigt, weshalb die Frage „Ist 50:50 gerecht?“ allein kaum weiterführt. Bevor eine Antwort gesucht wird, lohnt sich zunächst eine genauere Frage: Was verstehen die Beteiligten in dieser konkreten Situation eigentlich unter Gerechtigkeit?

Unterschiedliche Maßstäbe

Welche Vorstellungen von Gerechtigkeit können gleichzeitig bestehen?

Menschen beurteilen gerechte Verteilungen nicht immer nach demselben Prinzip. In einer Unternehmerfamilie können deshalb mehrere nachvollziehbare Vorstellungen gleichzeitig auftreten.

Eine Person betont Gleichheit: Geschwister sollten gleich behandelt werden. Eine andere schaut stärker auf den geleisteten Beitrag. Eine dritte fragt danach, welche Bedürfnisse oder Risiken berücksichtigt werden sollten.

Keine dieser Perspektiven beantwortet für sich allein jede Situation.

Mitglieder einer Unternehmerfamilie besprechen gemeinsam unterschiedliche Beiträge, Bedürfnisse und Verantwortlichkeiten.
Nicht nur das Ergebnis zählt: Auch die Möglichkeit, unterschiedliche Vorstellungen einzubringen und zu verstehen, beeinflusst die Akzeptanz einer Regelung.

Vier Blickrichtungen

Was kann „gerecht“ konkret bedeuten?

Die folgenden Perspektiven sind keine fertigen Regeln. Sie helfen vielmehr dabei, unterschiedliche Vorstellungen zunächst voneinander zu unterscheiden.

Perspektive Leitfrage Beispiel
Gleichheit Bekommen alle dasselbe? Drei Geschwister erhalten jeweils ein Drittel der Unternehmensanteile.
Beitrag Wer übernimmt welchen Einsatz und welche Verantwortung? Ein Familienmitglied führt das Unternehmen seit Jahren operativ und trägt besondere Verantwortung.
Bedürfnis Welche unterschiedlichen Bedürfnisse oder Lebenssituationen bestehen? Eine Regelung berücksichtigt, dass Beteiligte sich in unterschiedlichen Lebens- oder Versorgungssituationen befinden.
Verantwortung und Risiko Wer trägt welche Folgen einer Entscheidung? Operativ Verantwortliche und Eigentümer können von derselben Entscheidung auf unterschiedliche Weise betroffen sein.

Eine Familie kann je nach Fragestellung auch unterschiedliche Prinzipien kombinieren. Bei einer Frage erscheint Gleichheit sinnvoll, bei einer anderen wird eine unterschiedliche Behandlung gerade deshalb als gerechter erlebt, weil Verantwortung oder Bedürfnisse verschieden sind.

Vorsicht vor einfachen Formeln

Warum führt „Wer mehr leistet, bekommt mehr“ ebenfalls nicht immer weiter?

Wenn Gleichheit nicht automatisch Gerechtigkeit bedeutet, liegt eine andere einfache Regel nahe: Wer mehr für das Unternehmen leistet, sollte entsprechend mehr erhalten oder mehr entscheiden dürfen.

Auch das kann in bestimmten Situationen nachvollziehbar sein. Doch erneut stellt sich die Frage, was überhaupt als Beitrag zählt.

  • Zählt nur die Arbeitszeit im Unternehmen?
  • Wie wird Führungsverantwortung berücksichtigt?
  • Welche Bedeutung hat eingebrachtes Kapital oder übernommenes Risiko?
  • Wie wird frühere Aufbauarbeit bewertet?
  • Gibt es Beiträge innerhalb der Familie, die nicht auf einer Gehaltsabrechnung erscheinen?
  • Welche Erwartungen wurden bei der ursprünglichen Verteilung vereinbart?

Je genauer Beiträge bewertet werden sollen, desto deutlicher wird häufig, dass auch sie nicht vollständig objektiv messbar sind.

Das spricht nicht gegen Leistungs- oder Beitragskriterien. Es spricht lediglich dagegen, einen einzelnen Maßstab vorschnell zur universellen Gerechtigkeitsregel zu erklären.

Hinter einer Forderung

Was steckt hinter dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden?

Wenn ein Familienmitglied sagt: „Das ist ungerecht“, würde ich nicht sofort darüber diskutieren, ob diese Einschätzung objektiv richtig oder falsch ist.

Interessanter ist zunächst, was genau als ungerecht erlebt wird.

Vielleicht geht es um fehlende Anerkennung für jahrelange Arbeit. Vielleicht darum, dass Entscheidungen anderer Personen dieselben formalen Auswirkungen haben, obwohl diese den Unternehmensalltag weniger kennen. Vielleicht geht es um finanzielle Sicherheit, Zugehörigkeit oder den Eindruck, innerhalb der Familie weniger gesehen zu werden.

Die Forderung nach mehr Geld, mehr Anteilen oder stärkerem Einfluss kann dann bereits ein Lösungsvorschlag sein. Die dahinterliegenden Interessen können jedoch breiter sein.

Wer diese Interessen kennt, erhält häufig mehr Möglichkeiten für eine Regelung, als wenn ausschließlich über die ursprüngliche Forderung verhandelt wird.

Gemeinsam klären

Warum ist auch der Weg zur Lösung bedeutsam?

Ob eine Entscheidung akzeptiert wird, hängt nicht ausschließlich vom Ergebnis ab. Für Unternehmerfamilien kann ebenso wichtig sein, wie eine Regelung zustande gekommen ist.

Eine Lösung, die ohne Beteiligung festgelegt wird, kann selbst dann Widerstand hervorrufen, wenn sie von außen vernünftig erscheint. Umgekehrt kann eine Regelung mit Unterschieden eher akzeptiert werden, wenn die Beteiligten ihre Perspektiven einbringen konnten und verstehen, nach welchen Kriterien entschieden wurde.

  1. Das Thema benennen: Zunächst sollte überhaupt ausgesprochen werden können, dass unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit bestehen.
  2. Die Maßstäbe sichtbar machen: Geht es um Gleichheit, Beitrag, Bedürfnis, Verantwortung, Risiko oder etwas anderes?
  3. Interessen hinter Positionen verstehen: Was soll durch die gewünschte Regelung eigentlich erreicht oder geschützt werden?
  4. Andere Perspektiven kennenlernen: Beteiligte müssen nicht derselben Meinung sein, sollten aber nachvollziehen können, nach welcher Logik die andere Seite argumentiert.
  5. Eine gemeinsame Regelung entwickeln: Erst danach lässt sich prüfen, welche Kombination von Kriterien für die konkrete Familie tragfähig erscheint.

Gerade dieser Prozess kann eine eigene Wirkung haben. Eine Familie lernt dabei nicht nur etwas über die aktuelle Verteilung, sondern auch darüber, was ihren Mitgliedern wichtig ist und wie sie miteinander Entscheidungen treffen möchte.

Keine Gegenposition

Ist Gleichbehandlung deshalb unwichtig?

Nein. Aus der Aussage „Gleichheit ist nicht immer gerecht“ sollte nicht die gegenteilige Regel entstehen, Familienmitglieder möglichst unterschiedlich zu behandeln.

Gleichbehandlung bleibt ein wichtiger Maßstab. Besonders dort, wo Unterschiede nicht sachlich begründet oder nicht nachvollziehbar sind, kann sie Orientierung und Schutz bieten.

  • Welche Unterschiede sind für die konkrete Frage überhaupt relevant?
  • Welche Regel gilt für alle Beteiligten gleichermaßen?
  • Wo gibt es sachliche Gründe für unterschiedliche Regelungen?
  • Sind diese Gründe für die Betroffenen nachvollziehbar?
  • Konnten unterschiedliche Interessen eingebracht werden?
  • Wie soll mit vergleichbaren Fällen zukünftig umgegangen werden?

Gute Lösungen verbinden deshalb häufig allgemeine Regeln mit ausreichend Raum für die konkrete Situation.

Häufige Fragen

Weitere Fragen zu Gerechtigkeit im Familienunternehmen

Gerade weil Gerechtigkeit unterschiedlich verstanden werden kann, entstehen einige wiederkehrende Fragen.

Sollten Geschwister im Familienunternehmen immer gleich behandelt werden?

Nicht zwingend. Gleichbehandlung kann ein sinnvoller Maßstab sein, doch Unterschiede bei Aufgaben, Verantwortung, Eigentum oder individuellen Situationen können ebenso relevant sein. Entscheidend ist, nach welchen nachvollziehbaren Kriterien eine Regelung entsteht.

Sind gleiche Unternehmensanteile gerecht?

Sie können gerecht sein, müssen aber nicht in jeder Familie als gerecht erlebt werden. Entscheidend sind unter anderem die Entstehung der Eigentumsverteilung, die damit verbundenen Rechte und Erwartungen sowie die konkrete Situation der Beteiligten.

Hat ein Familienmitglied, das mehr arbeitet, automatisch Anspruch auf mehr Einfluss?

Aus größerer operativer Verantwortung kann ein nachvollziehbarer Wunsch nach Einfluss entstehen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine allgemeine Regel für Eigentums- oder Entscheidungsrechte. Zunächst sollte unterschieden werden, um welche Entscheidung und welche Rolle es geht.

Kann eine Lösung objektiv gerecht sein?

Für viele Fragen gibt es rechtliche oder vertragliche Rahmenbedingungen, die einzuhalten sind. Die Frage, ob eine zulässige Verteilung innerhalb einer Familie auch als gerecht erlebt wird, enthält darüber hinaus Wertungen und unterschiedliche Perspektiven. Deshalb ist häufig wichtig, die verwendeten Gerechtigkeitsmaßstäbe offenzulegen.

Literatur und Grundlagen

Vertiefende Quellen