Was ist eine Familienstrategie?

Eine Familienstrategie beschreibt, wie eine Unternehmerfamilie langfristig mit Eigentum, Rollen, Werten und ihrer Beziehung zum Unternehmen umgehen möchte. Sie entsteht nicht aus einer fertigen Vorlage, sondern aus der gemeinsamen Klärung zentraler Zukunftsfragen.

Mehrere Generationen einer Unternehmerfamilie besprechen gemeinsam ihre langfristige Beziehung zum Familienunternehmen.

Eine Unternehmerfamilie besitzt ihr Unternehmen inzwischen in der dritten Generation. Einige Familienmitglieder arbeiten operativ darin, andere haben eigene Berufe. Die nächste Generation wächst heran. Gleichzeitig unterscheiden sich die Vorstellungen darüber, wie eng Familie und Unternehmen künftig miteinander verbunden bleiben sollen.

Solche Fragen gehören nicht zur normalen Unternehmensstrategie. Sie betreffen die Familie in ihrer Rolle als Eigentümerin: Warum wollen wir dieses Unternehmen gemeinsam besitzen? Welche Verantwortung verbinden wir mit dem Eigentum? Wer kann im Unternehmen arbeiten? Wie treffen wir gemeinsame Entscheidungen? Und was soll auch in der nächsten Generation Bestand haben?

Eine Familienstrategie schafft dafür einen gemeinsamen Orientierungsrahmen. Sie legt nicht jede zukünftige Entscheidung fest. Sie hilft vielmehr, grundlegende Vorstellungen darüber zu klären, wie die Unternehmerfamilie langfristig mit Eigentum, Verantwortung, Rollen und ihrer Beziehung zum Unternehmen umgehen möchte.

Schnelle Orientierung

Überblick – Zentrale Fragen

Strategie der Eigentümerfamilie

Was versteht man unter einer Familienstrategie?

Eine Familienstrategie beschreibt die langfristige Ausrichtung einer Unternehmerfamilie in ihrer Beziehung zum Unternehmen und zum gemeinsamen Eigentum.

Sie beschäftigt sich also nicht primär mit Märkten, Produkten, Wettbewerb oder operativer Unternehmensführung. Diese Fragen gehören zur Unternehmensstrategie.

Die Familienstrategie fragt stattdessen beispielsweise: Welche Bedeutung soll das Unternehmen langfristig für unsere Familie besitzen? Welche Verantwortung übernehmen wir als Eigentümer? Welche Erwartungen haben wir an Familienmitglieder? Und wie wollen wir mit zukünftigen Generationen umgehen?

Damit ist sie ein Bestandteil der Family Governance – also der bewussten Selbstorganisation der Unternehmerfamilie.

WIFU ordnet Familienstrategie entsprechend als einen Prozess ein, in dem Rollen, Werte, Ziele, Entscheidungslogiken und Governance-Strukturen der Unternehmerfamilie systematisch betrachtet werden.

Zwei unterschiedliche Strategien

Was unterscheidet Familienstrategie und Unternehmensstrategie?

Beide Perspektiven beeinflussen sich, sollten aber nicht miteinander verwechselt werden.

Frage Familienstrategie Unternehmensstrategie
Zentrale Perspektive Unternehmerfamilie und Eigentum Unternehmen und Markt
Typische Frage Warum wollen wir langfristig gemeinsam Eigentümer bleiben? In welchen Märkten wollen wir künftig erfolgreich sein?
Rollen Welche Rolle sollen Familienmitglieder als Eigentümer oder Mitarbeitende haben? Welche Kompetenzen und Strukturen benötigt das Unternehmen?
Zeithorizont Oft generationenübergreifend Entsprechend Markt- und Unternehmensentwicklung

Die Trennung bedeutet nicht, dass beide Strategien unabhängig voneinander wären. Eine Familie, die langfristig Eigentümer bleiben möchte, muss beispielsweise berücksichtigen, was das Unternehmen dafür wirtschaftlich benötigt.

Umgekehrt kann eine unternehmerisch sinnvolle Entscheidung Auswirkungen auf Eigentümerinteressen und familiäre Erwartungen haben.

Zentrale Themenfelder

Welche Fragen kann eine Familienstrategie klären?

Die konkreten Themen hängen von Größe, Generationenstruktur und Eigentumsmodell der Familie ab. Einige Fragen treten jedoch häufig auf.

01

Gemeinsames Eigentum

Warum möchte die Familie Eigentümerin bleiben und unter welchen Bedingungen soll gemeinsames Eigentum auch in kommenden Generationen fortbestehen?

02

Rollen der Familie

Welche Familienmitglieder können operativ arbeiten, Führung übernehmen oder ausschließlich als Eigentümer beteiligt sein?

03

Werte und Ziele

Welche Grundhaltungen sollen Entscheidungen der Unternehmerfamilie prägen und welche langfristigen Ziele verbindet sie mit dem Unternehmen?

04

Entscheidungen und Kommunikation

Wie werden Informationen geteilt, Grundsatzfragen entschieden und unterschiedliche Perspektiven innerhalb der Familie berücksichtigt?

Weitere Themen können Nachfolge, Ausschüttungen, Umgang mit Anteilen, Gesellschafterkompetenz oder Familiengremien betreffen. Das Wittener Modell der Familienstrategieentwicklung bündelt solche Fragen in mehreren miteinander verbundenen Themenfeldern.

Ein Beispiel

Wenn dieselbe Familie unterschiedliche Zukunftsbilder hat

Drei Geschwister sind gemeinsam Eigentümer eines Familienunternehmens.

Eine Schwester möchte, dass möglichst viele Familienmitglieder auch zukünftig aktiv im Unternehmen arbeiten. Ihr Bruder hält professionelle familienexterne Führung langfristig für sinnvoll. Das dritte Geschwister interessiert sich vor allem dafür, dass das Unternehmen wirtschaftlich stabil bleibt und die Familie verlässlich informiert wird.

Keine dieser Positionen ist automatisch richtiger als die andere.

Ohne gemeinsame Klärung können jedoch unterschiedliche Erwartungen entstehen. Die eine Seite versteht Familienunternehmertum als aktive Mitarbeit. Die andere verbindet es hauptsächlich mit verantwortlichem Eigentum.

Eine Familienstrategie kann genau diese Unterschiede sichtbar machen und zu einer gemeinsamen Frage führen: Was soll es für uns zukünftig bedeuten, Unternehmerfamilie zu sein?

Mitglieder einer Unternehmerfamilie verbinden gewachsene Erfahrungen mit neuen Vorstellungen für die Zukunft.
Eine gemeinsame Richtung kann entstehen, wenn Unternehmensgeschichte und neue Perspektiven nicht als Gegensätze behandelt werden.

Gemeinsam heißt nicht identisch

Müssen für eine Familienstrategie alle dieselben Vorstellungen haben?

Nein. Eine gemeinsame Familienstrategie setzt keine vollständige Gleichheit der persönlichen Interessen voraus.

Gerade in größeren Unternehmerfamilien wäre das kaum realistisch.

  • Einige Familienmitglieder möchten operativ im Unternehmen arbeiten, andere nicht.
  • Die Generationen können unterschiedliche Vorstellungen von Wachstum und Risiko besitzen.
  • Einzelne Eigentümer benötigen möglicherweise stärker Ausschüttungen, andere bevorzugen Reinvestitionen.
  • Die Bedeutung von Tradition kann unterschiedlich bewertet werden.
  • Familienmitglieder können verschiedene Vorstellungen darüber haben, wer zukünftig Eigentümer sein soll.
  • Auch die gewünschte Nähe zwischen Familie und Unternehmen kann unterschiedlich sein.

Die Aufgabe besteht deshalb nicht darin, Unterschiede verschwinden zu lassen.

Eine gemeinsame Strategie entsteht eher dort, wo ausreichend tragfähige Grundsätze gefunden werden, mit denen auch unterschiedliche persönliche Interessen bearbeitet werden können.

Wurzeln und Entwicklung

Welche Rolle spielen Tradition und Unternehmensgeschichte?

Bei Zukunftsfragen würde ich Bestehendes und Neues nicht vorschnell gegeneinander ausspielen.

Ein Familienunternehmen besitzt häufig eine gewachsene DNA: Erfahrungen, Beziehungen, Werte und Entscheidungen, die das Unternehmen über lange Zeit geprägt haben.

Diese Geschichte kann eine wichtige Ressource sein.

Gleichzeitig bringen neue Generationen andere Erfahrungen, Kompetenzen und Vorstellungen mit. Auch darin liegen Ressourcen für die zukünftige Entwicklung.

Eine Familienstrategie muss deshalb nicht entscheiden, ob die Familie „traditionell“ oder „modern“ sein möchte.

Interessanter ist die Frage: Was aus dem Gewachsenen besitzt für uns auch zukünftig Bedeutung – und wo möchten wir bewusst etwas anders gestalten?

Keine Musterfamilie bauen

Warum sollte eine Familienstrategie nicht einfach aus einer Vorlage übernommen werden?

Vorlagen können helfen, relevante Themen nicht zu übersehen. Sie beantworten jedoch nicht die Fragen einer konkreten Familie.

  • Welche Bedeutung hat Eigentum gerade für diese Familie?
  • Welche Rollen existieren bereits und welche sollen sich verändern?
  • Welche Erfahrungen aus früheren Generationen prägen heutige Entscheidungen?
  • Welche Konflikte oder Unklarheiten treten tatsächlich auf?
  • Welche Regeln werden von den Beteiligten als nachvollziehbar erlebt?
  • Welche Strukturen passen zur tatsächlichen Größe der Unternehmerfamilie?

Eine Regel kann in einer Familie hilfreich und in einer anderen unnötig oder sogar störend sein.

Eine tragfähige Strategie entsteht deshalb eher durch gemeinsames Aushandeln als durch die möglichst vollständige Übernahme eines Standards.

Von unterschiedlichen Bildern zur gemeinsamen Richtung

Wie kann eine Familienstrategie entwickelt werden?

WIFU beschreibt dafür ein umfangreiches Prozessmodell. Für eine erste Orientierung lässt sich die Grundbewegung einfacher zusammenfassen.

  1. Die heutige Situation verstehen: Wie sind Familie, Eigentum und Unternehmen derzeit miteinander verbunden?
  2. Unterschiedliche Zukunftsbilder sichtbar machen: Was wünschen sich die beteiligten Familienmitglieder langfristig?
  3. Gemeinsame Werte und Ziele klären: Was soll trotz unterschiedlicher persönlicher Interessen verbinden?
  4. Rollen und Erwartungen besprechen: Welche Möglichkeiten und Anforderungen bestehen für Familienmitglieder und Eigentümer?
  5. Entscheidungs- und Kommunikationswege entwickeln: Wie sollen wichtige gemeinsame Fragen künftig bearbeitet werden?
  6. Ergebnisse festhalten: Wesentliche Vereinbarungen können beispielsweise in einer Familienverfassung dokumentiert werden.
  7. Später erneut prüfen: Eine Familienstrategie sollte sich weiterentwickeln können, wenn Generationen, Eigentum oder Unternehmen sich verändern.

Der Wert liegt dabei nicht nur im Ergebnis. Schon der Prozess kann sichtbar machen, an welchen Stellen innerhalb der Familie unterschiedliche Erwartungen bestehen.

Strategie und Dokument unterscheiden

Ist eine Familienstrategie dasselbe wie eine Familienverfassung?

Nicht ganz. Beide Begriffe hängen eng zusammen und werden in der Praxis teilweise unterschiedlich verwendet.

Hilfreich ist eine funktionale Unterscheidung:

Die Familienstrategie bezeichnet den übergeordneten Verständigungs- und Entwicklungsprozess darüber, wie die Unternehmerfamilie zukünftig handeln möchte.

Eine Familienverfassung kann wesentliche Ergebnisse dieser Verständigung schriftlich dokumentieren.

Das bedeutet auch: Ein ausführliches Dokument allein ist noch keine tragfähige Familienstrategie, wenn die darin enthaltenen Grundsätze innerhalb der Familie nie wirklich ausgehandelt wurden.

Strategie braucht Strukturen

Welche Rolle kann ein Familienrat spielen?

Eine Familienstrategie beschreibt gemeinsame Grundsätze. Damit diese im Alltag nicht allein auf Papier bestehen, können passende Governance-Strukturen notwendig werden.

Ein Familienrat kann beispielsweise Kommunikation organisieren, Familientreffen vorbereiten oder die Weiterentwicklung familienstrategischer Themen koordinieren.

Er sollte jedoch nicht die Strategie für die gesamte Familie entwickeln, ohne diese ausreichend einzubeziehen.

Grundlegende Zukunftsfragen benötigen eine Form von Beteiligung und Legitimation, die zur jeweiligen Eigentümerfamilie passt.

Strategie ist kein Endzustand

Wann sollte eine Familienstrategie überprüft werden?

Eine Unternehmerfamilie und ihr Unternehmen verändern sich. Deshalb kann auch eine einmal entwickelte Familienstrategie nicht für alle Zukunft unverändert bleiben.

  • Eine neue Generation wird Eigentümer.
  • Die operative Führung wechselt innerhalb oder außerhalb der Familie.
  • Neue Familienstämme oder deutlich mehr Gesellschafter entstehen.
  • Die wirtschaftliche Situation des Unternehmens verändert sich wesentlich.
  • Grundsätze zu Eigentum, Ausschüttung oder Mitarbeit funktionieren nicht mehr wie erwartet.
  • Neue Familienmitglieder stellen nachvollziehbar Fragen zu Vereinbarungen, an deren Entwicklung sie selbst nicht beteiligt waren.

Eine Überprüfung bedeutet nicht automatisch, dass frühere Vereinbarungen falsch waren.

Sie fragt vielmehr, ob sie unter veränderten Bedingungen noch dieselbe Funktion erfüllen.

Orientierung statt Konfliktfreiheit

Was kann eine Familienstrategie nicht leisten?

Auch eine sorgfältig entwickelte Familienstrategie beseitigt unterschiedliche Interessen nicht.

  • Sie garantiert keine konfliktfreie Familie.
  • Sie ersetzt keine operative Unternehmensstrategie.
  • Sie kann zukünftige Entwicklungen nicht vollständig vorhersehen.
  • Sie ersetzt keine rechtlich notwendigen Verträge.
  • Sie verhindert nicht, dass einzelne Familienmitglieder ihre Meinung ändern.
  • Sie nimmt zukünftigen Generationen nicht die Aufgabe ab, eigene Antworten zu entwickeln.

Ihr Wert liegt eher darin, gemeinsame Orientierung zu schaffen und wichtige Fragen nicht jedes Mal ohne bekannten Bezugsrahmen neu beginnen zu müssen.

Häufige Fragen

Weitere Fragen zur Familienstrategie

Braucht jedes Familienunternehmen eine Familienstrategie?

Nicht zwingend in einem formalisierten Prozess. Mit wachsender Zahl von Eigentümern, Generationen und unterschiedlichen Rollen kann es jedoch sinnvoll werden, grundlegende Vorstellungen über Eigentum, Rollen und Zukunft ausdrücklich miteinander zu klären.

Wer sollte an einer Familienstrategie beteiligt sein?

Das hängt von Eigentumsstruktur, Alter, Generationen und den zu klärenden Fragen ab. Entscheidend ist, relevante Perspektiven nicht unbeabsichtigt auszuschließen und zugleich passende Beteiligungsformen für die jeweilige Familie zu wählen.

Wie lange gilt eine Familienstrategie?

Eine Familienstrategie kann langfristige Orientierung geben, sollte aber überprüfbar bleiben. Generationenwechsel, neue Eigentümer oder veränderte Rahmenbedingungen können Anlass sein, bestehende Grundsätze erneut zu betrachten.

Ist eine Familienstrategie rechtlich bindend?

Die familienstrategische Verständigung selbst ist nicht mit einem Gesellschaftsvertrag gleichzusetzen. Wo konkrete Vereinbarungen rechtliche Wirkung entfalten sollen, müssen geeignete rechtliche Instrumente separat gestaltet werden.

Was ist wichtiger: Familienstrategie oder Unternehmensstrategie?

Die beiden Strategien erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Die Unternehmensstrategie beschäftigt sich mit der Zukunft des Unternehmens im Markt, die Familienstrategie mit der langfristigen Rolle der Eigentümerfamilie. In Familienunternehmen beeinflussen sich beide Perspektiven gegenseitig.

Literatur und Grundlagen

Vertiefende Quellen