Das erste Supervisionsgespräch: Was passiert?

Das erste Supervisionsgespräch dient nicht nur dazu, Themen zu sammeln. Ebenso wichtig sind gegenseitiges Kennenlernen, Erwartungen an die Zusammenarbeit und ein nachvollziehbarer Auftrag.

Supervisor und Fachpersonen beim ersten gemeinsamen Supervisionsgespräch in einem ruhigen Besprechungsraum.

Beim ersten Treffen wissen die Beteiligten noch nicht, wie die gemeinsame Arbeit tatsächlich funktionieren wird. Deshalb geht es nicht sofort darum, möglichst viel Inhalt zu bearbeiten. Zunächst entsteht ein Arbeitsrahmen: Wer sitzt hier miteinander, welche Erfahrungen bringt jede Seite mit und woran soll später erkennbar sein, dass die Supervision hilfreich ist?

Schnelle Orientierung

Überblick – Zentrale Fragen

Der Beginn der Zusammenarbeit

Ein erstes Supervisionsgespräch hat mehrere Aufgaben gleichzeitig. Natürlich soll deutlich werden, welche beruflichen Themen die Beteiligten beschäftigen. Genauso wichtig ist jedoch die Frage, ob eine Zusammenarbeit überhaupt vorstellbar ist.

Deshalb erzähle ich zu Beginn auch etwas über mich selbst: wie ich arbeite, welche Ausbildungen meinen fachlichen Hintergrund prägen und welche beruflichen Erfahrungen für meine heutige Arbeitsweise bedeutsam sind. Supervision ist keine anonyme Methode. Die Person des Supervisors und seine Art, Fragen zu stellen, zuzuhören und auf Situationen zu reagieren, gehören zum gemeinsamen Prozess.

Umgekehrt möchte ich möglichst viel über die Menschen erfahren, mit denen ich arbeiten soll. Bei einem Team interessiert mich beispielsweise, wer welche Aufgabe hat, wie lange die Beteiligten schon zusammenarbeiten, welche Veränderungen es gegeben hat und was sie von der Supervision erwarten.

Das erste Gespräch dient deshalb nicht nur der Informationsvermittlung. Es ist bereits eine erste Erfahrung miteinander: Wie wird gesprochen? Was darf gefragt werden? Wie reagiert der Supervisor auf Kritik oder Unsicherheit? Und entsteht der Eindruck, dass hier ein Arbeitsraum entstehen kann, der zu den Beteiligten passt?

Erste Erfahrung miteinander

Zusammenarbeit beginnt bereits beim Kennenlernen

Schon im ersten Gespräch erleben die Beteiligten, wie miteinander gesprochen wird. Dabei geht es nicht nur um Informationen und organisatorische Fragen, sondern auch darum, wie aufmerksam zugehört wird, wie unterschiedliche Sichtweisen aufgenommen werden und ob Unsicherheiten oder kritische Rückfragen ihren Platz haben dürfen.

Supervisor hört einer Fachperson während eines ersten Supervisionsgesprächs aufmerksam zu.
Das erste Gespräch ist bereits eine Erfahrung der Zusammenarbeit: Wie wird zugehört, gefragt und mit unterschiedlichen Sichtweisen umgegangen?

Beziehung und Arbeitsrahmen

Was sollte beim ersten Supervisionsgespräch geklärt werden?

Ein gutes Erstgespräch muss nicht jedes Detail eines späteren Prozesses festlegen. Einige grundlegende Fragen helfen jedoch dabei, einen nachvollziehbaren Ausgangspunkt zu schaffen.

01

Die beteiligten Menschen

Wer nimmt teil, welche Funktionen haben die Beteiligten und welche beruflichen Situationen prägen ihre Arbeit?

02

Das Anliegen

Welche Themen führen zur Supervision und was soll durch die gemeinsame Reflexion klarer, verständlicher oder bearbeitbarer werden?

03

Die Zusammenarbeit

Wie arbeitet der Supervisor, welche Erwartungen bestehen aneinander und was brauchen die Beteiligten, damit sie sich auf den Prozess einlassen können?

04

Der Rahmen

Wie häufig soll die Supervision stattfinden, wer ist Auftraggeber und wie wird mit Informationen umgegangen, die den Gesprächsraum verlassen sollen?

Nicht alle Fragen lassen sich beim ersten Treffen endgültig beantworten. Manche Erwartungen werden erst deutlich, nachdem die Beteiligten erste Erfahrungen miteinander gesammelt haben. Deshalb bleibt Auftragsklärung auch später Teil des Supervisionsprozesses.

Vorerfahrungen ernst nehmen

Warum frage ich nach bisherigen Erfahrungen mit Supervision?

Menschen kommen nicht unvoreingenommen in ein erstes Gespräch. Einige kennen Supervision seit vielen Jahren, andere erleben sie zum ersten Mal. Und manche bringen Erfahrungen mit, die sie eher skeptisch gemacht haben.

  • Frühere Supervision wurde als hilfreich und entlastend erlebt.
  • Ein Team hat Supervision hauptsächlich als Pflichttermin kennengelernt.
  • Ein früherer Supervisor wurde als stark bewertend oder belehrend wahrgenommen.
  • Einzelne Beteiligte kennen sehr methodische, andere fast ausschließlich gesprächsorientierte Formen.
  • Im Team bestehen unterschiedliche Erwartungen daran, was ein Supervisor eigentlich tun sollte.
  • Eine Person verbindet Supervision möglicherweise mit einer schlechten Erfahrung und beobachtet den neuen Prozess zunächst vorsichtig.

Ich höre dabei durchaus Geschichten über frühere Supervisor:innen, die als „Besserwisser“ erlebt wurden. Das nehme ich ernst – und kann gleichzeitig ein wenig darüber schmunzeln, weil mein Sohn mir als Kind einmal sagte: „Papa, du bist der allergrößte Besserwisser und ich die zweitgrößte.“

Ein gewisser Hang dazu, Dinge verstehen und einordnen zu wollen, ist mir also nicht völlig fremd. Gerade deshalb ist mir die Unterscheidung wichtig: Ich kann Fragen stellen, Hypothesen anbieten und meine Wahrnehmung einbringen. Ich gehe aber davon aus, dass die Menschen, mit denen ich arbeite, die eigentlichen Expert:innen für ihre berufliche Situation sind.

Meine Aufgabe besteht nicht darin, ihnen möglichst schnell zu erklären, wie ihr System funktioniert. Sie besteht darin, einen Gesprächs- und Reflexionsraum zu schaffen, in dem sie selbst Dinge erkennen können, für die im normalen Arbeitsalltag häufig wenig Zeit vorhanden ist.

Erwartungen transparent machen

Was gehört zur Auftragsklärung im ersten Gespräch?

Besonders bei Supervision in Organisationen gibt es häufig mehrere Auftragsebenen. Was sich die Leitung wünscht, muss nicht vollständig mit dem übereinstimmen, was ein Team oder einzelne Mitarbeitende beschäftigen.

Ebene Leitfrage Warum sie wichtig ist
Auftraggeber Warum wird die Supervision ermöglicht oder beauftragt? Organisationale Erwartungen werden von Beginn an sichtbar.
Teilnehmende Was möchten die Menschen selbst in der Supervision bearbeiten? Supervision braucht einen tatsächlichen Arbeitsbezug für diejenigen, die teilnehmen.
Supervisor Was kann ich innerhalb meiner Rolle sinnvoll anbieten? Möglichkeiten und Grenzen des Supervisionsauftrags werden geklärt.
Vertraulichkeit Welche Informationen sollen den Supervisionsraum verlassen dürfen? Die Beteiligten wissen, wie mit Rückmeldungen an Auftraggeber oder Führung umgegangen werden soll.
Ergebnis Woran würden die Beteiligten merken, dass die Supervision hilfreich ist? Der Auftrag wird konkreter als die allgemeine Erwartung, dass etwas „besser“ werden soll.

Unterschiedliche Erwartungen sind dabei kein Fehler. Eine Leitung kann beispielsweise eine bessere Zusammenarbeit wünschen, während das Team vor allem hohe Belastung oder Konflikte mit der Führung besprechen möchte. Solche Unterschiede sollten möglichst früh sichtbar werden.

Auch beim Umgang mit Informationen nach außen braucht es Klarheit. In meiner eigenen Arbeitsweise werden Inhalte aus einer Teamsupervision nicht einfach selbstverständlich an die Führung weitergegeben. Wenn eine Rückmeldung sinnvoll oder vereinbart ist, kläre ich mit den Beteiligten, welche Information den Gesprächsraum verlassen darf.

Ein möglicher Ablauf

Wie kann das erste Supervisionsgespräch konkret ablaufen?

Das erste Treffen folgt keinem starren Interviewleitfaden. Trotzdem lassen sich einige typische Schritte unterscheiden, die einen guten Einstieg erleichtern.

  1. Gegenseitig kennenlernen: Ich stelle meine Arbeitsweise und meinen fachlichen Hintergrund vor und möchte gleichzeitig die beteiligten Menschen und ihre Arbeit kennenlernen.
  2. Vorerfahrungen erfragen: Was kennen die Beteiligten bereits aus früherer Supervision und was davon war hilfreich oder schwierig?
  3. Anliegen sammeln: Welche Situationen oder Fragen haben dazu geführt, dass Supervision gerade jetzt sinnvoll erscheint?
  4. Erwartungen unterscheiden: Was wünschen sich Team, einzelne Teilnehmende, Führung und gegebenenfalls weitere Auftraggeber?
  5. Arbeitsweise und Grenzen klären: Was kann Supervision leisten, was gehört nicht zu ihrem Auftrag und wie soll mit Informationen nach außen umgegangen werden?
  6. Erste Themen priorisieren: Welche Fragestellungen sollten in den nächsten Sitzungen zunächst Aufmerksamkeit bekommen?
  7. Die Zusammenarbeit prüfen: Passt die Arbeitsweise grundsätzlich zu den Beteiligten und erscheint eine weitere Zusammenarbeit sinnvoll?

Natürlich kann bereits im ersten Gespräch intensiv an einem konkreten Thema gearbeitet werden. Wenn ein aktueller Fall oder Konflikt viel Raum einnimmt, wäre es künstlich, ihn nur deshalb zurückzustellen, weil formal zunächst ein Kennenlernen geplant war.

Gleichzeitig halte ich es für sinnvoll, nicht das gesamte erste Treffen mit Problembearbeitung zu füllen. Die Beteiligten sollten auch erfahren, mit wem sie künftig arbeiten und auf welcher Grundlage der gemeinsame Prozess stattfinden soll.

Passung prüfen

Woran lässt sich nach dem ersten Gespräch eine mögliche Zusammenarbeit einschätzen?

Ein erstes Gespräch muss noch kein vollständiges Vertrauen herstellen. Es kann aber Hinweise darauf geben, ob die grundlegende Zusammenarbeit für beide Seiten vorstellbar ist.

  • Die Beteiligten können ihre Fragen und auch ihre Skepsis offen äußern.
  • Der Auftrag erscheint grundsätzlich nachvollziehbar.
  • Die Arbeitsweise des Supervisors ist verständlich geworden.
  • Unterschiedliche Erwartungen dürfen nebeneinanderstehen.
  • Die Grenzen des Settings können angesprochen werden.
  • Es entsteht zumindest der Eindruck, dass gemeinsames Nachdenken möglich sein könnte.

Für mich gehört zur Passung auch persönliche Chemie. Fachliche Qualifikation ist wichtig, reicht aber allein nicht aus. Menschen müssen nicht begeistert voneinander sein, sollten aber den Eindruck haben, dass sie miteinander arbeiten können.

Ein Kennenlernen oder eine erste Supervisionssitzung kann deshalb auch dazu dienen, genau diese Frage zu prüfen. Eine Zusammenarbeit sollte nicht allein deshalb fortgesetzt werden, weil bereits ein Termin stattgefunden hat.

Die Kriterien für die Auswahl werden im Beitrag Wie findet man einen passenden Supervisor? ausführlicher betrachtet.

Noch kein fertiger Prozessplan

Was muss nach dem ersten Gespräch noch nicht feststehen?

Auftragsklärung bedeutet nicht, den gesamten späteren Supervisionsprozess vorhersehen zu müssen. Gerade bei längerer Zusammenarbeit werden Themen sichtbar, die zu Beginn noch niemand benennen konnte.

  • Nicht jedes spätere Thema muss bereits bekannt sein.
  • Die Reihenfolge der Fragestellungen darf sich verändern.
  • Ein erster Auftrag kann später präzisiert werden.
  • Methoden müssen nicht für Monate im Voraus festgelegt sein.
  • Auch die benötigte Häufigkeit kann nach ersten Erfahrungen neu betrachtet werden.
  • Neue Situationen in Team oder Organisation dürfen den Prozess verändern.

Das erste Gespräch schafft damit eher eine gemeinsame Ausgangsbasis als einen detaillierten Fahrplan.

Im weiteren Prozess zeigt sich, welche Themen tatsächlich Bedeutung behalten, welche schneller geklärt sind als gedacht und welche Fragen erst durch die gemeinsame Arbeit entstehen. Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen einem lebendigen Supervisionsprozess und dem Abarbeiten einer vorher festgelegten Themenliste.

Häufige Fragen

Häufige Fragen zum ersten Supervisionsgespräch

Vor einem ersten Termin besteht häufig Unsicherheit darüber, wie viel vorbereitet werden muss und ob bereits konkrete Themen oder Ziele feststehen sollten.

Muss ich mich auf das erste Supervisionsgespräch vorbereiten?

Eine umfangreiche Vorbereitung ist normalerweise nicht notwendig. Hilfreich kann sein, sich zu überlegen, welche beruflichen Situationen gerade beschäftigen und was man sich grundsätzlich von der Supervision erhofft.

Muss beim ersten Gespräch bereits ein konkretes Ziel feststehen?

Nein. Erste Erwartungen sollten besprechbar sein, der Auftrag kann jedoch gemeinsam präzisiert werden. Manche Anliegen werden erst während des Gesprächs klarer.

Wird im ersten Gespräch schon an einem Fall oder Problem gearbeitet?

Das ist möglich. Wenn ein aktuelles Anliegen dringend oder besonders präsent ist, kann es bereits bearbeitet werden. Gleichzeitig sollte genügend Raum für Kennenlernen und Auftragsklärung bleiben.

Warum fragt der Supervisor nach früheren Erfahrungen mit Supervision?

Frühere Erfahrungen beeinflussen Erwartungen an die neue Zusammenarbeit. Positive ebenso wie negative Erfahrungen können wichtige Hinweise darauf geben, was die Beteiligten heute benötigen oder zunächst skeptisch macht.

Muss ich mich nach dem ersten Gespräch sofort für eine längere Zusammenarbeit entscheiden?

Nicht unbedingt. Ein erstes Treffen kann gerade dazu dienen zu prüfen, ob Arbeitsweise, fachlicher Rahmen und persönliche Passung eine weitere Zusammenarbeit sinnvoll erscheinen lassen.

Was passiert, wenn Team und Führung unterschiedliche Erwartungen haben?

Diese Unterschiede sollten möglichst transparent gemacht werden. Sie müssen sich nicht automatisch ausschließen. Wichtig ist, daraus einen Arbeitsrahmen zu entwickeln, bei dem klar bleibt, welche Anliegen von wem kommen und welche Rolle die Supervision dabei übernimmt.

Literatur und Grundlagen

Vertiefende Quellen

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